Geschichtliches

Bereits 1565 wurde das ehemalige Schieferbergwerk Landesplattenberg ob Engi urkundlich erwähnt. Im 17. Jahrhundert war der Landesplattenberg Engi eine bedeutende Einkommensquelle für das Land Glarus und für das Dorf Engi. Schieferprodukte wurden in weite Teile der Welt exportiert und der Landesplattenberg wurde aufgrund seiner geologisch-paläontologischen Arbeiten von zahlreichen berühmten Forschern erwähnt, die sich mit dem Fund der versteinerten Fische und Vögel beschäftigten. Im Jahre 1961 wurde das Schieferbergwerk aus arbeitshygienischen und wirtschaftlichen Gründen stillgelegt und dient nun als imposanter Besuchsort.

Spuren im schwarzen Schiefer

von Emil Zopfi

Hitze lagert im engen Tal des Sernft, Gewitterwolken stehen über dem Glärnisch im Westen. Rino Bombardieri parkt seinen Wagen im Schatten des Waldes südlich von Engi-Hinterdorf, greift nach dem Stock und beginnt den steilen Weg hochzusteigen, den er vor über vierzig Jahren täglich gegangen ist, als Arbeiter im Landesplattenberg, dem Schieferbergwerk. Schwer geht sein Atem, vor kurzem hat er vom Arzt erfahren, dass seine Lunge voll Staub ist, von damals. Doch er hat Glück gehabt. Viele Bergleute sind jung an Silikose gestorben. Weit kommt ihm der Weg vor, der sich neben der Schutthalde emporwindet, auf die man den Abraum aus dem Berg kippte.

Nur ein Zehntel des gebrochenen Schiefers war brauchbar. Rino arbeitete von 1946 bis 1953 am Berg, meist am Schneidetisch beim Stollen- eingang; er spaltete die herausgebrochenen Schieferblöcke in Platten von zwei bis zehn Millimeter Dicke, ritzte die Formen auf der weichen Seite mit Reissnagel und Schablone an, brach und schnitt aus dem Schiefer Dach- und Bodenplatten, Schieferschindeln, Schreibtafeln, Simsen und Tische.

Der Weg verschwindet im Gebüsch, für einen Augenblick verliert Rino die Orientierung. Weidensträucher, Erlen und Birken wuchern auf dem blättrigen Schutt. Verrostete Schienen, ein Kippwagen, Röhren und Räder liegen auf einem Haufen. Der alte Förderstollen ist eingestürzt, ein Schienenstumpf ragt noch aus der Erde. Endlich erreicht Rino die Lichtung, in deren Mitte die Plattenhütte steht, er erinnert sich. Hier machte er im Winter gegen Mittag ein Feuer, damit sich die Arbeiter aufwärmen, eine Suppe und Kaffee kochen konnten. Sie arbeiteten von morgens sieben bis abends fünf, von Montag bis Freitag und am Samstag morgen. Am Schluss verdiente er etwa 90 Franken in der Woche. Am Samstag Nachmittag schaufelten er Sand aus dem Sernft für den Bauunternehmer Fritz Marti, der auch den Plattenberg betrieb. Noch ist es ruhig am Berg. Fern rollt der Donner. Rasch und sicher steigt Virginio Maddalon bergan, erste Tropfen fallen auf seinen markanten, fast kahlen Kopf. «Im Winter», erinnert er sich, «musste jeweils einer den Weg stampfen durch halbmeterhohen Neuschnee.» Zwölf Jahre arbeitete er als Hauer im Stollen. «Hätte der Fritz Marti nicht zugemacht, wäre ich heute noch da oben», sagt er. Auch er hat Glück gehabt, drei seiner Brüder starben am Staub. Virginios Lunge ist in Ordnung, nur ein Glied eines kleinen Fingers blieb am Berg, abgeschnitten von einer messerscharfen Schieferkante. An diesem Morgen ist der Neunundsechzigjährige noch 60 Kilometer Velo gefahren, und wenn er Pilze sucht, dann klettert er stundenlang die steilsten Hänge hinauf.

Als er 1949 in die Schweiz kam, arbeiteten noch ein Dutzend Leute im Bergwerk, Veltliner, Männer aus Belluno und Bergamo. Er selber stammt aus Treviso, er spricht auch heute nur «Arbeiterdeutsch». Am Schluss waren sie noch zu dritt, der Schiefer rentierte nicht mehr, die Ausbeute war schlecht, Dächer wurden mit Eternit gedeckt. Mit dem Fuss tritt Virginio gegen eine rostige Eisenröhre, die den Weg kreuzt. «Druckluft!» Er erklärt: Nachdem der Mineur einen niedrigen Stollen in den Berg gesprengt hatte, bauten die Hauer den Schiefer mit Bohrmeisseln in sogenannten «Kaminen» ab, die nach unten immer breiter wurden. Rund um den Schieferblock, «Bätsch» genannt, bohrte er einen 20 bis 30 Zentimeter tiefen Graben, dann löste er ihn mit dem Brecheisen, liess ihn mit der Seilwinde auf den Rollwagen gleiten und rollte ihn zum Schneidetisch am Eingang des Stollens. Virginio arbeitete in mehreren der Stollen, die bis zu 250 Meter in den Berg vorgetrieben wurden und Namen trugen wie «Wasserloch», «Kreideloch», «Brämenloch». Er arbeitete auch am Schneidetisch, nur das Schlittenfahren war ihm zuwider. Wenn die andern im Winter nach Arbeitsschluss auf Stecken zu Tal sausten, stapfte der Flachländer hinterher. «Rino», sagt er, «der konnte mit dem Schlitten umgehen. Er stammte aus dem Veltlin, aus den Bergen.» Nach der Stillegung des Bergwerks arbeitete Virginio als Stanzer in einem Metallwerk, am Berg war er nie mehr.

Rino Bombardieri bewahrt eine Fotografie auf, die ihn in einem mit Balken abgestützten Zugangsstollen zeigt, zusammen mit Virginio Maddalon und drei andern Arbeitern. Sie tragen Karbidlampen in den Händen, Nagelschuhe, fleckige Überkleider, die «Scherer», die an den Schneidetischen arbeiteten, dicke Schürzen. Der Schiefer zerschnitt alles, die Haut, die Kleider, die Schuhe. Kappen oder Hüte schützten den Kopf, Helme trug man nicht. Unfälle gab es viele, aber an Tote kann er sich nicht erinnern. Einmal schlug ihm die Kurbel der Seilwinde gegen die Brust; noch heute spürt er den Schmerz. Auch in der Kniekehle hat er einen Narbe vom Schnitt einer messerscharfen Platte.

Die zwei alten Bergarbeiter begrüssen sich vor der Plattenhütte so selbstverständlich, als hätten sie sich gestern erst verabschiedet und nicht vor vierzig Jahren. Das Foto hat die Erinnerung wachgerufen und den Wunsch, noch einmal hinaufzusteigen, denn: «Wir hatten eine gute Kameradschaft und waren auch nach der Arbeit viel zusammen». Von der Plattenhütte steigen sie weiter die Schutthalde hinauf, über die der beginnende Gewitterregen streicht. «Achtung», sagt Rino. «Der nasse Schiefer ist heimtückisch.

Alles rutscht.» Den Schlitten, mit dem er die Platten über die Schieferhalde zur Seilbahn transportierte, bremste er mit Ketten, trotzdem überschlug es ihn manchmal. Rino Bombardieri war ein Jahr alt, als er 1925 aus Chiuro bei Sondrio nach Engi kam, wo der Vater im Plattenberg arbeitete. Die hundert Bergleute waren in Akkordgruppen zu vier Mann aufgeteilt. «Beim Wasserloch, direkt hinter der Plattenhütte, war der beste Schiefer. Vater arbeitete mit drei Brüdern und sagte, er habe manchmal ganz schön verdient.» Die Familie kehrte nach Italien zurück, als die Mutter krank wurde. Rino meldete sich zur Marine, überlebte im Krieg die Versenkung des Schiffs, ein Zugsunglück, Verhaftung und Folterung durch die Gestapo. Er hatte nach der Kapitulation Italiens für die Partisanen gearbeitet. Nach einem Todesurteil wurde er zu Gefängnis begnadigt und musste in Wien Blindgänger ausgraben, ein Todeskommando. «Da wäre ich noch so gerne auf den Plattenberg gegangen.» Nach dem Krieg schrieb er einen Brief an Fritz Marti und bekam den Arbeitsvertrag. «Ich könnte ein Buch schreiben über mein Leben», sagt er. Weiss sind seine Haare, weise sein Blick. Bedächtig, sich immer wieder auf den Stock stützend und tief atmend, steigt er durch den Regen hinauf bis zum obersten Stollen, direkt unter der Bergwand. Zersplittertes Holz, Wurzeln, Schutt und Erde hat eine Lawine zurückgelassen. Der Stolleneingang ist mit Pestwurz überwuchert, Wasser tropft vom zerklüfteten Fels. Virginio erzählt: «Einmal wurde ich hier beinahe von einer Lawine verschüttet, konnte mich gerade noch mit einem Sprung retten.» Nur bei grosser Lawinengefahr blieben sie im Tal und schaufelten bei der Sernftalbahn Schnee.

Am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts bauten Einheimische im Nebenerwerb den Schiefer im Tagbau ab und verkauften ihn an Plattenhändler im Tal, die meist auch Gastwirte waren. Statt Geld bekamen sie oft Schnaps, Tabak und billige Lebensmittel. Alkoholismus und schlechte Ernährung war verbreitet, die Familien lebten im Elend. Gemeindepfarrer Jakob Heer aus Matt setzte deshalb beim Landrat durch, dass der Plattenberg 1832 zum Landesregal erklärt, das heisst faktisch verstaatlicht wurde. Ab Mitte des letzten Jahrhunderts begann man in Engi bergmännisch korrekt Stollen vorzutreiben. Am Tschingelberg in Elm bauten ab 1868 private Gesellschaften Schiefer ab, der sich gut für Schultafeln und Griffel eignete. Elm und Engi konkurrierten sich, eine Zeitlang beteiligte sich die Landesplattenberg- Verwaltung auch an den Elmer Schieferbrüchen, doch nach mehreren Unglücksfällen zog sie sich wieder zurück. Elm setzte den unsachgemässen Tagbau fort, mit bekannten Folgen: Am 11. September 1881 stürzten nach einer langen Regenperiode die Felsmassen ins Tal und begruben 114 Menschen, 83 Wohnhäuser und Ställe und 90 Hektar Land. Im Jahr 1926 brach auch in Engi der Berg herab und verschüttete mehrere Stolleneingänge, doch Tote gab es keine. Seit 1921 war der Plattenberg in privater Pacht, 1950 Sie knipsen Taschenlampen an, betreten vorsichtig den Stollen, warnen vor losen Steinen, die an der Decke hängen, ihr Bergmannsinstinkt ist erwacht. «Man spürte im voraus, wenn etwas herabzustürzen drohte. Wenn Sand von der Decke zu rieseln begann, rannte man ins Freie.» Schächte brechen in die Tiefe, verlieren sich im bodenlosen Dunkel, Verbindungen zu tiefer liegenden Stollensystemen. Eine neue Holzbrücke spannt sich über ein tiefes Loch. «Hundsfalle» hat jemand an die Wand geschrieben.

Die Musik des Bergs, das leise Tingeln des Schiefers unter den Schritten, das unablässige Tropfen des Wassers vom schwarzen Fels, begleitet Rino Bombardieri und Virginio Maddalon bei ihrem Gang durch die Vergangenheit. Kühle, feuchte Luft zieht durch die Schächte, der Atem kondensiert. Die ständige Nässe und der Durchzug seien das Schlimmste gewesen, erinnern sie sich. Im Winter froren die Tropfstellen ein, spitze Eiszapfen hingen drohend über den Köpfen. Bei einer Abbaustelle halten die Bergmänner inne. Der letzte «Bätsch» ist fast gelöst vom Berg, der Graben rundum in den Fels gebohrt. «Noch zuwenig tief», stellt Virginio fest, putzt mit den Händen Schiefersplitter aus dem Spalt. Einen oder zwei «Bätsch» schaffte er im Tag. «Aber dieser hier ist nichts wert.» Er zeigt auf die Quarzadern, die durch den Schiefer ziehen. Einmal, als die Druckluft ausfiel, arbeitete er von Hand mit dem Spitzhammer weiter: «Unvorstellbar, wie die das früher geschafft haben.»

Durch den Abbau von oben nach unten, den Schieferschichten folgend, sind im Berg dutzende von Metern hohe Räume entstanden, Kreuzgänge mit Spitzbögen, die sich auf schiefe, nach unten dünner werdenden Säulen stützen.  Man fühlt sich im Inneren eines gewaltigen, gotischen Domes, umhüllt  von sakraler Stille. Die bizarre Formensprache der Kavernen macht die Faszination des Schieferbergwerks aus. Eine Säule ist eingestürzt, der Schiefer  zerborsten, ein tonnenschwerer Felsbrocken ist aufgeblättert wie ein Buch aus Stein. Begeistert greift Virginio zwischen die Platten und zählt:«Acht Schiefertische gäbe das, jeder zweitausend Franken wert. So gutes Material fanden wir selten.» 

Draussen dampft das feuchte Gebüsch, das Gewitter ist abgezogen. Millionen von Schieferbruchstücken glitzern im Sonnenlicht. Beim Abstieg bückt sich Rino nach einer Platte, klopft drauf, sie spaltet sich. Seltsam verästelte Strukturen treten zutage. «Lange habe ich einen versteinerten Fisch  aufbewahrt. Beim Zügeln ist er verlorengegangen.» Viele Male ist er umgezogen, seit er den Berg 1953 hinter sich liess: Er heiratete, bildete sich weiter, wurde Webereimeister, unterrichtete in Nigeria schwarze Arbeiter, montierte Webmaschinen in Südamerika, im Iran, in ganz Europa. Auch Virginio besitzt einen versteinerten Fisch. «Zerbrochen», betont er. Denn eigentlich mussten sie die Versteinerungen abliefern. «Vielleicht verkaufte sie der Fritz Marti, vielleicht gab er sie ins Museum.» Rino schaut über die Schutthalde ins Tal. «Da müssen noch viele liegen. Wir hatten nicht Zeit, alles zu durchsuchen.»
«Vielleicht gehe ich nochmals hinauf, wenn hier ein Museum ist», sagt Rino Bombardieri beim Abstieg etwas wehmütig. «Wenn ich es dann noch schaffe.»

Die alten Bergarbeiter geben sich die Hand, dann lachen sie. Beiden fehlt ein Finger, stellen sie fest. «Hast du deinen auch am Berg gelassen?» fragt Virginio. «Nein, den habe ich erst nach der Pension verloren.»

Kurz ist der Abschied. So, als ob sie morgen wieder hinaufsteigen müssten.

Rino sagt: «Wir hatten es gut zusammen. So schön wie hier hatte ich es nie mehr, weder vorher noch nachher.»

Auf ein Bier will er nicht mitkommen. «Ich rauche jetzt noch eine feine Zigarette», sagt er. «Dann wende ich den Wagen.» Ein paar Minuten will er allein sein, sich Zeit lassen, allein mit dem Berg, mit seiner Geschichte, mit den Erinnerungen an ein langes Leben.

Copyright © Emil Zopfis Textwerkstatt

Die Entstehung der Glarner Fossilien

Fossil
Fossil

Das ehemalige Schieferbergwerk Landesplattenberg ob Engi mit seinen seit beinahe 300 Jahren bekannten Versteinerungen ist ein klassischer und bedeutender Fossil-Fundpunkt in den Alpen. Die auch als Glarner Schiefer bezeichneten Tonschiefer und Siltsteine stammen aus der frühen Tertiär-Zeit (Oligozän) und wurden vor etwa 35 Millionen Jahren am Grund eines tieferen Meeres abgelagert. Durch Kompaktion des ursprünglich stark wasserhaltigen Schlammes wurden die erhaltungsfähigen knöchernen Skelette zusammengepresst und bei der späteren Hauptphase der alpinen Gebirgs- bildung deformiert. Neben vielen neuartigen Knochenfischen erregten besonders die äusserst seltenen Funde von Schildkröten und Vögeln im 18. und 19. Jahrhundert grosses Aufsehen bei den Naturwissenschaftern und Sammlern. Fossilien von wirbellosen Tieren wurden nie gefunden. Hingegen sind pyritisierte Holzreste nicht selten. Ausser den wohl umfangreichsten Sammlungen in Glarus und Zürich finden sich zahlreiche Fossilien aus Engi in allen grösseren Fossiliensammlungen Europas.

Fossilien aus den Engi-Schiefern

Die berühmten Glarner Fossilien sind nur am Landesplattenberg oberhalb Engi-Hinterdorf und in einem entsprechenden Schieferbruch bei Diesbach-Dornhaus im Linth-Tal gefunden worden. Sie stammen aus dem jüngsten und feinkörnigsten Abschnitt des Nordhelvetischen Flyschs, der von den Geologen als Engi-Schiefer bezeichnet wird. Es sind dunkelgraue Tonschiefer und Siltsteine des frühen Oligozäns und sind damit etwa 35 Millionen Jahre alt. Die Wirbeltierfossilien bestehen aus Skeletten von Fischen, Schildkröten und Vögeln, deren ursprüngliches Knochenmaterial aus Hydroxylapatit chemisch nur wenig umgewandelt wurde. Weichteile sind nicht überliefert. Die ausgezeichnete Erhaltung von weitgehend zusammenhängenden Skeletten zeigt, dass die toten Tiere rasch im Schlamm eingebettet wurden, bevor sie durch andere Lebewesen gefressen werden konnten. Vermutlich wurden bei Erdbeben und Stürmen im Küstenbereich immer wieder untermeerische Rutschungen ausgelöst und aufgewirbeltes Material mit Trübeströmen ins tiefere Meeresbecken transportiert (Turbidite). Dabei wurden auch am Meeresgrund liegende tote Tiere mitgerissen und nach Abnahme der Strömungsgeschwindigkeit rasch von Schlamm zugedeckt. Bei der Kompaktion des wassergesättigten Schlammes auf etwa 5% der ursprünglichen Dicke wurden die Schädel, aber auch Wirbel und andere Knochen zusammengepresst und flach gedrückt.

Fische

Kaninchenfisch
Kaninchenfisch

Die häufigsten Funde sind Knochenfische, deren knöcherne Skelette oft im Verband, manchmal geknickt oder in grössere Teile zerlegt erhalten geblieben sind. Die seit Beginn des 18. Jahrhunderts bekannten fossilen Fische des Landesplattenberges wurden erstmals von Louis Agassiz (1833-43) syste- matisch beschrieben. Dabei hat er für die Glarner Fische viele neue Arten auf- gestellt. Alexander Wettstein konnte 1886 mit Hilfe geologischer Unter- suchungen zeigen, dass die Fossilien durch die alpine Gebirgsbildung stark verformt wurden. Je nach Lage und Orientierung im Gestein waren die Fos- silien unterschiedlich deformiert und von Agassiz irrtümlich als verschiedene Arten bezeichnet worden.

Die meisten Fische gehören zu den Gattungen Lepidopus (Strumpfbandfisch), Palaeorhynchus (Schnabelmakrele) und Palimphyes (Makrele), die im Ver- gleich mit heute lebenden Formen im tieferen Wasser des Kontinentalhanges gelebt haben dürften. Fistularia (Flötenfisch), Archaeus (Stachelmakrele), Pristigenys (Grossaugenbarsch), Balistomorphus und Acanthopleurus (Kugel- fisch) dagegen lebten wohl im flacheren Wasser einer felsig-sandigen Küste.

Erst 1988 entdeckte ein Sammler auf der Schieferhalde den bisher einzigen Zahn eines Knorpelfisches, eines Verwandten des heutigen Makohais Isurus. Dieser grosse Raubfisch war wohl begleitet vom ebenfalls sehr seltenen Schiffshalter (Echeneis).  Der mit nur einem Exemplar sehr seltene Fisch von ovaler, seitlich abgeplatteter Form und 11 cm Länge ist ein ausgestorbener Vertreter des heutigen Kaninchenfisches Siganus, der als räuberische Form im seichten Wasser von Riffen lebt.

Glarner Schildkröte

Schildkröte
Schildkröte

Die ersten beiden Schildkrötenfunde wurden im 18. und 19. Jahrhundert beschrieben und zu zwei verschiedenen Arten gestellt. 1958 hat Rainer Zangerl die inzwischen vier bekannten Schildkrötenreste neu untersucht und alle zur Gattung und Art Glarichelys knorri gestellt. Deren Knochenpanzer war leicht gebaut und von Hornschildern bedeckt, wie es für Meeresschildkröten als leistungsfähige Hochseeschwimmer charakteristisch ist. Die drei nahezu vollständigen Exemplare und ein isolierter Bauchpanzer gehören zu jüngeren Tieren aus der Verwandtschaft der heutigen See- oder Karettschildkröten.

Glarner Vogel

Vogel
Vogel

Die beiden Vogelreste erregten nach ihrer Entdeckung im 19. Jahrhundert grosses Aufsehen und wurden als zwei verschiedene Arten beschrieben. Bernhard Peyer konnte 1956 zeigen, dass die weitgehend zerfallenen Skelette eines kleineren und grösseren Tieres zur gleichen Art gehören. Der Glarner Vogel Protornis glaronensis kann am besten mit heutigen Eisvögeln verglichen werden, die in Küstenähe nach Fischen jagen.

Bei diesem grösseren Exemplar  (siehe Bild) sind die linke Vorderextremität, Teile des Rumpfes und weitgehend vollständige Hinterextremintäten erhalten geblieben.

Zeiten

Ablagerungen

Schematischer Querschnitt durch das nördliche Alpenvorland im frühen Oligozän (vor etwa 35 Millionen Jahren). Bei der Kollision der südlichen mit der nördlichen Kontinentalscholle sind die Ostalpinen Decken gegen Nordwesten überschoben und Teile des Penninikums und Helvetikums von ihrer Unterlage abgeschert und gegen Norden überschoben worden (nach Lihou, 1996). Die Engi-Schiefer des Nordhelvetischen Flysches entstehen als Ablagerungen untermeerischer Trübeströme, die auch Tiere und Schwemmholz des Küstenbereichs ins tiefere Meer mitreissen.

Knochenfische

Rekonstruktion der wichtigsten Knochenfische aus den Engi-Dachschiefern.
Rekonstruktion der wichtigsten Knochenfische aus den Engi-Dachschiefern.

Lepidopus

Lepidopus
Lepidopus

Die langen und seitlich gekrümmten Strumpfbandfische (Lepidopus glarisianus) sind bei der Entwässerung des einbettenden Schlammes zusammengedrückt und meist geknickt worden.

Palimphyes

Palimphyes
Palimphyes

Die Makrele (Palimphyes elongatus) ist der dritthäufigste Fisch in den Engi-Dachschiefern.

Plattenlänge 20 cm.

Palaeorhynchus

Palaeorhynchus
Palaeorhynchus

Das von Agassiz abgebildete Originalfossil: Palaeorhynchus glarisianus.

Länge des Bildausschnittes 40 cm.

Fistularia

Fistularia
Fistularia

Der Flötenfisch (Fistularia koenigi) hat einen langen röhrenartigen Schädel und einen langgestreckten, sehr dünnen Körper. Die Wirbelsäule dieses Exemplars ist bei den hinteren Flossen zerrissen.

Länge 70 cm.

Fistularia
Fistularia

Der grosse Schädel des Flötenfisches in Rückenansicht. Der dünne Körper ist hinter den vorderen, miteinander verwachsenen Wirbeln abgeknickt und mit der langen peitschenartigen Schwanzflosse neben die Mundöffnung gedrückt.

Plattenlänge 26 cm.

Acanthopleurus

Acanthopleurus
Acanthopleurus

Acanthopleurus serratus ist ein kugelfischartiger Dreistachler mit drei kräftigen Flossenstrahlen. Der Schädel ist etwas zerfallen, der Körper mit seinen dornenartigen Schuppen aber ausgezeichnet erhalten. 

Plattenlänge 20 cm.

Hai

Hai
Hai

Der Makohai, ein heutiger Vertreter der Heringshaie, wird 2 bis 3 m lang. Einzelner Zahn von Isurus sp., einem Vertreter der Heringshaie.

Echeneis

Echeneis
Echeneis

Der Schiffshalter Echeneis glaronensis mit seiner rückenseitig am Kopf gelegenen Haftscheibe wurde bisher nur dreimal gefunden. 

Plattenlänge 33 cm.

Geologie von Engi

Die tief in die Alpen eingeschnittenen Täler der Linth und der Sernft geben einen spektakulären Einblick in den geologischen Bau des Helvetikums am Nordrand des Alpengebirges. Die vereinfachte geologische Karte des Glarnerlandes und die geologische Ansicht der Ostseite des Sernftales zeigen eine höhere, gegen Norden abtauchende Decke aus permischen Vulkaniten und mesozoischen Sedimentgesteinen über intensiv deformierten tertiären Flyschen. Der berühmte Schweizer Alpengeologe Albert Heim (Professor in Zürich 1872–1911) erklärte diese Ueberlagerung von älteren auf jüngeren Gesteinen mit seiner Theorie der Glarner Doppelfalte. 1884 deutete der französische Minengeologe Marcel Bertrand die Glarner Alpen als Produkt einer grossen Ueberschiebung aus Süden, was von Heim erst 1903 akzeptiert wurde. Im Konzept der modernen Plattentektonik sind die Helvetischen Decken Teile der nördlichen (europäischen) Kontinentalscholle, die bei der Kollision mit einer südlichen (afrikanischen) Kontinentalscholle (Ostalpine Decken und Südalpen) von ihrer Unterlage abgeschert und gegen Norden überschoben wurden. 

Der Nordhelvetische Flysch mit den Engi-Schiefern entstand im frühen Oligozän nach der ersten Kollisionsphase nördlich der aufsteigenden jungen Alpen. Bei späteren Gebirgsbildungsphasen im späten Oligozän und mittleren Miozän wurde der Nordhelvetische Flysch verfaltet und deformiert. Dabei wurden auch die eingeschlossenen Organismenreste verformt, was zu einer mehr oder weniger starken Verzerrung der Fossilien führte.

Die Überschiebung des permischen Verrucanos auf die tertiären Schiefer des Nordhelvetischen Flyschs an der Lochseite bei Schwanden. Der dazwischen liegende Lochseitenkalk ist unter hohem Druck und hoher Temperatur plastisch, d. h. in weichem Zustand deformiert worden. Erst bei der letzten Phase bildete sich eine messerscharfe Scherfläche aus.

1: Eozäner Flysch
2: Lochseiten-Kalk
3: Scherfläche
4: Grünes Konglomerat
5: Rötliches Konglomerat

Die Glarner Alpen, und mit ihnen Engi, sind Teil der Helvetischen Decken am Nordrand der Alpen. Eine stark vereinfachte geologische Geschichte der Schweiz im Querschnitt von Basel im Norden bis Lugano im Süden kann mit vier Blockbildern dargestellt werden, die als Ergebnisse aus dem Nationalen Forschungsprogramm 20 (NFP 20) über die geologischen Tiefenstrukturen der Schweiz einem breiteren Publikum präsentiert wurden.

Vor mehr als 200 Millionen Jahren: Auf der im Untergrund der zukünftigen Alpen schon ausgedünnten Kruste aus Granit und Gneiss sind nach der Ablagerung von vulkanischen Gesteinen und deren Verwitterungsprodukten in Grabenbrüchen der Perm-Zeit (Verrucano) im Randbereich eines tropischen Meeres hauptsächlich Kalke, Dolomite und Mergel gebildet worden.

Vor 150 Millionen Jahren: Anfangs Jura-Zeit reisst die Kruste auf und eine nördliche und südliche Kontinentalplatte driften auseinander. Zwischen einem südlichen und nördlichen Schelfmeer öffnet sich in der späten Jura-Zeit das Tethys-Tiefseebecken mit unter- meerischen Vulkanen.

Vor 90-40 Millionen Jahren: Die südliche (afrikanische) Kontinentalplatte kollidiert mit der nördlichen (europäischen) Platte. Kilometerdicke Gesteinspakete, Decken genannt, werden zusammengestaucht, ineinander und übereinander geschoben. Gegen den Schluss dieser Kollisionsphase wird der Nordhelvetische Flysch mit den Engi- Dachschiefern im Meer nördlich der aufsteigenden jungen Alpen abgelagert.

Vor 20 Millionen Jahren: Die alpine Gebirgsbildung geht weiter. Die beiden Kontinente haben sich ineinander verzahnt. Die aufsteigenden Alpen werden erodiert und liefern grosse Schuttmassen in die nördlich und südlich der Alpen liegenden Vorlandsenken (Molasse), in denen die letzten Randmeere aufgefüllt werden.

Geologische Karte

Eine höhere, gegen Norden abtauchende Decke aus permischen Vulkaniten und mesozoischen Sedimentgesteinen des Helvetikums überlagert intensiv deformierten tertiären Flysch (nach Siegenthaler, 1974).

Ostseite des Sernftals

Die höhere, gegen Norden abtauchende Decke aus permischen Vulkaniten (Verrucano) und mesozoischen Sedimentgesteinen überlagert intensiv deformierten tertiären Flysch (nach Siegenthaler 1974). Das ehemalige Schieferbergwerk Landesplattenberg liegt oberhalb Engi-Hinterdorf in stark verfalteteten und überkippten Engi-Dachschiefern des Nordhelvetischen Flyschs.

Forschungsgeschichte des Landesplattenberges

Im Ratsprotokoll vom 30. Oktober 1565 wird der Abbau von Plattenberger Schiefer erstmals urkundlich erwähnt. Bereits Ende des 16. Jahrhunderts waren die Schieferplatten von Engi über die Grenzen der damaligen Eidgenossenschaft hinaus bekannt. Der Zürcher Stadtarzt Johann Jakob Wagner schrieb 1680 in seiner «Historia naturalis Helvetiae Curiosa» von Exporten nach Deutschland, Holland, England, Schweden und Dänemark. Eigenartigerweise tauchen in der wissenschaftlichen Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts keinerlei Nachrichten über versteinerte Glarner Fische auf.

Johann Jakob Scheuchzer

Johann Jakob Scheuchzer
Johann Jakob Scheuchzer

Der erste, der die Gelehrtenwelt auf den Fossilreichtum von Engi aufmerksam machte, war der Zürcher Naturforscher und Universalgelehrte Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733). Er betrachtete alle Versteinerungen als Relikte der weltweiten Flut zur Zeit Noahs und bildete in seinem 1708 erschienenen Büchlein «Bildnissen verschiedener Fischen und dero Theilen, Welche in der Sundfluth zu Grund gegangen» erstmals fossile Fische vom Landesplattenberg ab. Diese stiessen während den folgenden Jahrzehnte in Sammlerkreisen auf wachsendes Interesse.

1. Glarner Schildkröte

1. Glarner Schildkröte
1. Glarner Schildkröte

Genau fünfzig Jahre nach Scheuchzers Arbeit erfolgte die Veröffentlichung der ersten versteinerten Schildkröte von Engi aus der Hand des Zürcher Naturforschers Johannes Gessner (1709–1790).

Johannes Gessner

Johannes Gessner
Johannes Gessner

Johannes Gessner (1709–1790), Zürcher Botaniker, Mathematiker und Physiker, gründete 1746 die Naturforschende Gesellschaft in Zürich und publizierte 1758 eine Notiz über die erste fossile Glarner Schildkröte, die sich später, zusammen mit anderen Fossilien vom Plattenberg in seinem Besitz befand.

1. Glarner Vogel

1. Glarner Vogel
1. Glarner Vogel

Nach einem weiteren knappen Jahrhundert schliesslich lieferte einer der berühmtesten Paläontologen Deutschlands, Christian Erich Hermann von Meyer (1801-1869), die wissen- schaftliche Erstbeschreibung eines fossilen Vogels vom Landesplattenberg. Beide Funde zogen die Aufmerksamkeit der Fachwelt über die Landesgrenzen hinaus auf sich.

Christian Erich Hermann von Meyer

Christian Erich Hermann von Meyer
Christian Erich Hermann von Meyer

Christian Erich Hermann von Meyer (1801–1869) studierte nach einer Banklehre Kameralwissenschaften, er galt als Begründer der Wirbeltierpaläontologie Deutschlands. Zu seinen hervorragendsten Arbeiten gehörte die Entdeckung und Beschreibung des ersten Glarner Vogels.

Jean Louis Rodolphe Agassiz

Jean Louis Rodolphe Agassiz
Jean Louis Rodolphe Agassiz

Jean Louis Rodolphe Agassiz (1807–1873) wurde als Sohn eines Pfarrers am Murtensee geboren und studierte in Zürich, Heidelberg und München Medizin und Naturwissenschaften. Berühmt wurde er vor allem durch seine Werke «Etudes sur les glaciers» von 1840, in denen er die Theorie einer weltweiten Eiszeit entfaltete, und seine «Recherches sur les poissons fossiles». Ab 1848 bekleidete er den Lehrstuhl für Zoologie und Geologie am Harvard College in Cambridge im US Bundesstaat Massachusetts.